Fränkischer Tag, 13. Februar 1988

Dr. Faust

Grandioses Spektakel auf der Minibühne

Bambergs neueste Attraktion: Klaus Looses Marionettentheater spielt „Doctor Faust

Bamberg verfugt über eine neue kulturelle Attraktion:

Das Marionettentheater Loose brachte nach monatelanger Probenzeit zum erstenmal in Bamberg die so verges-sene. so belächelte Kunst des Marionettenspiels auf die Bühne; nicht nur mit Kunst-Verstand, sondern mit En-thusiasmus, um nicht zu sagen Idealismus des Spieler-Ensembles.
Gegeben wurde „Doctor Johann Faust. Volksschauspiel in vier Akten nebst einem Vorspiel“; gespielt wurde nach der von Karl Engel veranstalteten Oldenburger Sammlung. die das Spiel 1882 in Druck nahm.
Es ist dies nicht der durch Goethe bekannt gewordene Stoff: Der Text des Spiels schließt sich eng an das Volksbuch von 1587 an.
Es ist nicht die Rede vom strebenden Menschen, der Erlösung verdient und erhält; nicht von dem, was wir unter einem „faustischen Menschen“ verstehen.
Das Spiel handelt vielmehr von der Vorstellung des „weltbeschreitenden Zauberers und Schwarzkünstlers“ Faust, der sich, so das Volksbuch, „gegen den Teufel auf eine benannte Zeit verschrieben“ - und danach unbarmherzig von ihm geholt wird. Der Abfall vom Glauben, der Gnade Gottes ist der Themenkreis, der im Spiel eröffnet -und geschlossen wird.
Mit der Oldenburger Sammlung steht es ähnlich wie mit den Märchen der Brüder Grimm oder der Liedersammlung „Des Knaben Wunderhorn“.
Meist greifen sie auf uralt-bekannte, im Volk weit ver-breitete Stoffe zurück, die bisweilen Hunderte von Jahren älter sind als das gedruckte Original.
Durchaus denkbar, dass der junge Goethe eine Auffüh-rung in ganz ähnlicher Stoff- und Handlungsreihung gesehen hat. Er selbst hat dies in „Dichtung und Wahrheit“ beschrieben.
Besonderheiten des Marionettentheaters von Klaus Loose gibt es jedoch noch mehr.
Nicht nur der Text, auch die Bühne, die Figuren sind echt, teilweise bis zu 150 Jahre alt.
Sie stammen aus der Zeit, in der das Marionettentheater eine echte Volks-Schau und -Belustigung war, die aus dem kulturellen Leben der Zeit schwer wegzudenken ist. Marionette als das Theater des kleinen Manns, als die meistgespielte Form von Theater.
Auch der Hans Wurst fehlt da nicht, auch nicht die beleh-rende Wirkung auf den Zuschauer, die ja auch im Volksbuch den eigentlichen Dreh- und Angelpunkt bildet.
Neben Klaus Loose selbst wird das Ensemble des privaten Zimmer-Theaters, das wegen der Größe der Bühne nur zwölf Zuschauer fasst, von Margit Müller, Lisa Sohmer und Bärbel Tengler gebildet.
Was hier gegeben wird, übersteigt alle Erwartungen.
Die Puppen agieren mit wahrhaft schwereloser Eleganz Die unglaublichen Tiefen- und Perspektiven-Effekte, die das historische Theater bieten konnte, werden mit Bravour genutzt.
Dem Zuschauer bliebe ohne die Liebenswürdigkeit von Klaus Loose, der den Blick hinter die Kulissen gestattet, die makellos, unglaublich dichte und gleichzeitig schier endlose Tiefe der Bühne schleierhaft.
Einzelne Mitwirkende zu nennen, ist verständlicherwei-se nicht möglich. Applaus und Anerkennung müssen dem ganzen Ensemble gleichermaßen zukommen.
Erwähnt sei nur, dass Loose wohl über die größte private Marionetten- und Holz- bzw. Papiertheater-Sammlung Deutschlands verfügt - nicht anonym und hinter Glas, sondern durchaus im privaten Rahmen. als Dreingabe zum Besuch der Vorstellungen frei zur Besichtigung!
Man darf hoffen, dass uns dieses Theater noch lange er-halten bleibt dass noch viele Produktionen hier zu sehen sein werden. 

Rainer Ament

 
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