Fränkischer Tag, 25. März 2002
Der Freischütz
Premiere im Marionettentheater
Einige originale Ausstattungsstücke aus dieser Zeit, wie der Zauberkreis
in der Wolfsschlucht oder die Wilde Jagd, sind noch erhalten und spielten
bei der Bamberger Premiere mit.
Sie fügten sich wunderbar in die Bühnenbilder, die Loose
und seine malenden Mitstreiterinnen (Marijke Einwag und Gabriele Engelhard)
größtenteils nach historischen Vorbildern aus dem 19. Jahrhundert
gestaltet hatten, ein.
Mit Ausblicken auf Waldlandschaften, mit ziehenden Wolken vor dem Wolfsschluchtmond,
mit dem sauberen Stübchen Agathens wurden hier Illusionen geschaffen,
die den Spaniern verpflichteten Romantikern das Herz gewärmt hätten
- schließlich heißt "ilusión" in der Sprache Calderon
de la Barcas nicht nur Täuschung, sondern auch Freude.
Die Freude an der Illusion
Die Freude an der Illusion ließ beim "Freischütz" eine Art
doppeltes Bewusstsein entstehen. Auf der einen Seite staunte man über
die Effekte der kleinen Theatermaschinerie (Alfred Rummel, Jürgen
Kohlmann, Werner Hemmerlein, Bernhard Leiter, Klaus Loose), über die
detailverliebten Kostüme und Requisiten (Erk Baumann, Doris Loose,
Jürgen Kohlmann, Hans Straube, Renate Nötling, Irene Leiter),
über das Tanzen und Laufen und Schreiten der Marionetten (geführt
wurden sie von Thomas Schubert, Irene Leiter und Renate Nötling).
Auf der anderen Seite schaffte Regisseur Loose mit Hilfe von Musik
und dramatischen Lichteffekten (gestaltet von Doris Loose, in Szene gesetzt
von Markus König) das, was jedes Theater erfüllen sollte: Das
Publikum vergessen zu lassen, dass es nur Akteuren zuschaut.
Nach den anfänglichen "Ahs" und "Ohs". die dem Publikum entlockt
wurden, als sich der Vorhang über der nächtlichen Wolfschlucht
mit Bäumen wie aus einem Gemälde von Caspar David Friedrich und
einer rotglühenden Kugelpfanne lüftete, wurde man zusammen mit
dem armen Jägerburschen Max in den Bann des Teufelstreibens geschlagen.
Klaus Loose ließ gut gelaunt den kleinen Missklang vergessen,
den die offiziellen Stellen dem Theater zu dieser Jubiläumsveranstaltung
verursacht hatten - kein Vertreter der städtischen Kulturstellen hatte
sich eingefunden. Ein bisschen traurig, so Loose zu Beginn, sei er darüber
schon. Trauriger war es allerdings für die Nicht-Gekommenen - ihnen
entging ja der kleine, der große "Freischütz". Selbst schuld.
Barbara Kurz
Coburger Tagblatt, 27. März 2002
Der Freischütz
Illusionstheater zum Anfassen
Was war vor dem Regietheater? Kann man Stücke noch nach den Regieanweisungen
längst verblichener Autoren einfach vom Blatt spielen?
Man kann nicht nur, man sollte es sogar öfter tun, wobei man freilich
selten auf so günstige historische Daten trifft wie der Bamberger
Puppentheater-Prinzipal Klaus Loose. Das zeigt er auf seiner 181 Jahre
alten Bühne mit der 181 Jahre alten romantischen Oper "Der Freischütz"
von Carl Maria von Weber mit zum Teil 181 Jahre alten Dekorationen.
Das riecht nach Museum, aber der Gang zurück zu den Ursprüngen
ist hier nicht Selbstzweck. Das Bamberger Marionetten-Theater Loose im
Staubschen Haus an der Unteren Sandstraße in Bamberg lädt sein
Publikum nur nebenbei zu einem Ausflug in die Vergangenheit ein.
Hauptsächlich verschafft es ihm das immer seltenere Vergnügen,
ganz naiv in den guten alten Guckkasten zu schauen und dabei das philosophische
Staunen wieder zu lernen.
Der "Freischütz" brauchte nach Weberschem Regie-Rezept die ganze
barocke Bühnenmaschinerie. Etwa die Wolfsschlucht, die heute durchaus
zwischen zwei kahlen Wänden denkbar wäre, ist im Loose-Theater
der Inbegriff dessen, was wir im Nachhinein als "romantisch" bezeichnen,
was zu Webers Zeit aber als überhöhte Wirklichkeit empfunden
wurde.
Der Vollmond beleuchtet durch vorüberjagende Gewitterwolken hindurch
eine im wahrsten Wortsinn gespenstische Szenerie.
Wir erleben ein Ausstattungsfest mit teils echten Antiquitäten,
teils nachgebauten Bildern vorwiegend aus dem frühen 19. Jahrhundert.
Wir erleben außerdem eine "Freischütz"-Szene, die bisher noch
in kaum einer Oper gespielt wurde. Es ist das Vorspiel "Die Rosen des Eremiten",
die der Librettist Friedrich Kind seinem Stück voranstellte. Weber
komponierte sie nicht mit, weil seine Opern singende spätere Frau
den "Freischütz" lieber mit dem turbulenten, publikumswirksamen "Königsschuss"
beginnen lassen wollte.
Regisseur Klaus Loose fand die Eremitenszene zu Recht wichtig, weil
nur sie die Zauberkraft der "heiligen" Rosen in der Brautjungfernszene
erklärt und weil sie bereits den Eremiten und seine Autorität
vorstellt, welcher der Schlussszene die glückliche Wende gibt. Dieser
Schluss wirkt dadurch nicht so künstlich angeklebt.
Er kommt aber erst nach gut drei Stunden (inklusive Pause). Das klingt
nach einem langen Abend. Es ist trotzdem ein kurzweiliger, auf jeden Fall
anrührender, hochinteressanter und durch eine sehr gute Einspielung
auch musikalisch anspruchsvoller Abend.
Gero von Billerbeck