Fränkischer Tag, 28. März 1994
Genoveva
Romantik perfekt rekonstruiert
Klaus Loose inszenierte auf seiner Bamberger Marionettenbühne
die "Genoveva"
Neben dem "Don Juan" und dem ,Faust" steht damit der dritte große
Volksbuchstoff, von Rainer Lewandowski nach verschiedenen Vorlagen bearbeitet,
auf dem Spielplan des kleinen, großen Hauses.
Die Handlung ist bekannte Legende: Genoveva, die Gattin des Pfalzgrafen
Siegfried, wird vom Haushofmeister des Grafen begehrt.
Wegen ihrer Standhaftigkeit und ihrer Treue zu dem im Krieg weilenden
Ehemann wird sie vom rasenden Golo des Ehebruchs beschuldigt, eingekerkert
und infolge der Intrige von ihrem eigenen Gatten zum Tode verurteilt.
Der Henker jedoch lässt sie frei, und so lebt sie mit ihrem Sohn
Schmerzenreich sieben Jahre lang in einem Wald, von Kräutern, Beeren
und von der Milch einer weißen Hirschkuh ernährt. Der heimkehrende
Gatte findet sie auf einer Jagd und führt sie heim.
...
"Genoveva" wird zum perfekten Stimmungsbild der deutschen Hochromantik
E. T. A. Hoffmanns, Carl Maria von Webers oder des Holzschneiders und Illustrators
Ludwig Richter.
Der Bogen spannt sich von der Waldeinsamkeit über den schauerlichsten
Hexenspuk in gotischen Gemächern bis zur wunderschönen, durch
und durch katholischen Erscheinung des Schutzengels als rotgewandete Projektion
vor einem leicht bewölkten Himmel.
Jedes Detail der Ausstattung verrät den Prinzipal als Perfektionisten,
egal ob es sich um die deutlich sichtbaren Tränen der Genoveva handelt
oder um das Lesepult in der Kemenate.
Keine Kerze, die nicht brennt, kein Ofen, der nicht raucht; auch die
magische Kugel der Wahrsagerin schimmert grün, wenn diese plötzlich
wie von Geisterhand aus dem verdeckenden, bei Beleuchtung aber durchsichtigen
Tüll erscheint. Theaterzauber pur!
Für die Perspektivmalerei, mit der Looses Räume ihre immer
aufs neue verblüffende Tiefe erhalten, dienen die "Vorlagen für
Theatermaler", von Theodor Jachimovicz, einem Meister seines Faches aus
der Mitte des 19. Jahrhunderts.
Dass Loose die Vorlagen bis ins Kleinste umgesetzt hat, steht außer
Zweifel. Es ist die konsequente Authentizität, die den vollkommenen
Eindruck schafft.
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Alles passt zusammen, ist aufeinander abgestimmt zu einem ästhetischen
Gesamtkunstwerk der Romantik mit einem Blick in die Unendlichkeit am Schluss.
Das Finale zeigt eindrucksvoll, wie groß der Guckkasten werden
kann: Während der Verklärung der toten Genoveva fallen die Begrenzungen
des Bühnenbildes, der Raum weitet sich nach hinten zum sternenübersäten
Universum, später zum nicht minder gewaltigen Schiff einer gotischen
Kathedrale.
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Andreas Funke