Fränkischer Tag, 4. Februar 1991
"Don Juan"
Höllenqualen für den Lüstling
Bamberger Marionettenversion des "Don Juan"
Die "kleinste Bühne Bayerns" hat ihr Repertoire erweitert.
Nach dem romantischen Zauberspiel "Prinz Rosenrot und Prinzessin Lilienweiß"
des Grafen Pocci und dem Barockspektakel von Dr. Faust brachten Klaus Loose
und seine brillant-charmante "Crew" nun "Don Juan" als Marionettentheater
im "Staubschen Haus" in der Bamberger Sandstraße zur Premiere.
Die Darbietungen des vierköpfigen Ensembles auf der historischen
Marionettenbühne faszinieren immer wieder aufs Neue.
Ingeborg Foert, Lisa Sohmer und Bärbel Tengler gelang unter Leitung
von Klaus Loose auch diesmal wieder Erstaunliches.
Wer die unglaublichen Tiefen- und Lichteffekte, die technischen Tricks
und staunenswerten Raffinessen der über 100 Jahre alten Bühne
noch nicht kennt, wird bei einem Besuch wahrlich erstaunt sein - doch mehr
noch von Einfallsreichtum und Finger-Fertigkeit der vier "Akteure", die
bei dieser Premiere ihr ganzes Können zeigten.
Die fast schwerelose Grazie der Marionetten wurde unter den Händen
der Spieler zu einem - trotz des üblichen Lampenfiebers - unvergesslichen
Erlebnis.
Wer glaubt, den "Don Juan" zu kennen, ob von Tirso de Molina, Moliére
oder Mozart, sollte sich diese Aufführung ansehen, der der Text von
Carl Engels 1882 begründeter "Oldenburger Sammlung" von Puppenspielen
wandernder Komödianten zugrunde liegt.
Es ist ein "tragikomisches Schauspiel", wie es im Untertitel genannt
wird, der Scanarell Moliéres oder der Leporello Mozarts werden hier
zu einem deftig-barocken, verfressenen und versoffenen Hans Wurst, den
man fast als "Gegenspieler" seines Herrn Don Juan bezeichnen könnte.
Dessen "galanten", dennoch eher dümmlich-dreisten Auftritten stehen
die des Dieners gegenüber, der räsonierend, erläuternd,
jedoch mit einer gewissen Lebensklugheit, die seinem Herrn fehlt, die Geschehnisse
beurteilt. Dass er letztlich immer nur zu Essen und Trinken findet, zeigt
die Satire des Barock quasi en detail: Der dummen Dreistigkeit des Edelmanns
steht die Dummheit, dennoch auch die Lebenslust des Dieners gegenüber,
der nicht so dumm ist, den Steinernen Gast zu fordern, jedem Weiberrock
nachzulaufen - und immer wieder nur von Mord und Totschlag der anderen
zu reden und mit dem Degen zu fuchteln oder Prügel anzubieten, wie
es sein Herr tut.
Die Aufführung sprudelte über vor komischen szenischen Einfällen,
von einer Brillanz der Marionetten-Führung - bis zum Bühnenbild,
den Kostümen und den Spezialeffekten aus der verschmitzten Trickkiste
des Prinzipals:
Quirlig-groteske Einfälle wechselten mit tragisch-innigen Szenen
wie dem Gesang der Schäferin oder der großen Abbitte des Don
Juan, die er im Angesicht des Todes leistet.
Die Worte des "Steinernen Gasts: "Du findest der Hölle Qualen
in dir selber" muten so modern an, als ob sie erst in unserem Jahrhundert
geschrieben worden wären.
Hans Wurst hingegen beendet das Stück mit Eheschließung
und einem komisch-galanten Hochzeitstanz. "Ein Stück zum Lachen und
Weinen", heißt es, "zum Nachdenken und Darüber-Sprechen" - was
will man mehr von einem Puppenspiel?
Rainer Ament