Coburger Neue Presse, 16. August 1999

Macbeth

Großes Theater kleinformatig

Callenberg-Premiere: Macbeth der Marionettenbühne Loose

Macbeth wütet - doch fließt kein Tropfen Blut, nicht einmal eine Träne. Und keine Miene regt sich auf der Bühne. Postpostmoderne Coolness?
Von wegen: reinste Klassik. Die Helden sind auch nicht von Pappe. Nein: Sie sind aus Papier. 20 Zentimeter ist schon Gardemaß, und ihr Kosmos ist - zwar ungleich schöner, doch - kaum größer als ein opulenter Bildschirm. Und doch zeigen sie uns großes Theater, die Mini-Mimen der Bamberger Marionettenbühne Loose: ambitioniert und kultiviert, Theater aus Leidenschaft, Theater mit Herzblut.
Aus dem Staubschen Haus zu Bamberg sind sie ausgezogen, Klaus Loose und sein kleines Team, um ihre neueste Produktion in nicht minder stilgerechtem Ambiente uraufzuführen und dem traditionell theater-freundlichen Hause Coburg ihre Reverenz zu erweisen: beim Callenberger Schlossfest vor den Toren Coburgs - vor "Massenpublikum". Denn während im heimischen Stamm-Palais gerade 20 Zuschauer Platz finden, drängten sich am Freitag- und Samstagabend jeweils an die 30 Gäste im roten Salon des Herzogsitzes, um diese außergewöhnliche Premiere mitzuerleben.
Auch für die Ausführenden war dieses Projekt, dem rund zweijährige Vorbereitungen vorausgegangen waren, alles andere denn Routine. Zum zweiten Mal erst unternahmen die Marionetten-Theaterspieler einen Exkurs ins Papiertheater-Genre, um "diese liebenswürdige Kunst zu erhalten und zu pflegen", wie Prinzipal Klaus Loose bekannte. Obendrein wagte er mit seinem Macbeth ein dramaturgisches Experiment: Nicht nach dem Rasenmäher-Prinzip" stutzte er Shakespeares füllige Tragödie (in Dorothea Tiecks Übersetzung) auf ein spielbares und konsumerables Maß, sondern - erstmals - durch die Aufteilung auf epische und dramatische Sequenzen. Zentrale Szenen werden gespielt (der Text, gesprochen von Schauspielern des Bamberger E.T.A. -Hoffmann-Theaters, kommt vom Band), der Inhalt verzichtbarer Abschnitte wird kompakt erzählt (von Hans Pomarius' markanter Stimme). So gelingt eine "Digest-Version", welche die Grundproblematik der Tragödie um Macht und Menschlichkeit unbeschadet vermittelt.
Man lernt zu hören, wenn Mimik und Gestik als Ausdrucksmittel entfallen (das Bewegungsrepertoire der von Renate Kern und Christel Weigl geführten Figuren ist naturgemäß begrenzt) und Charaktere sich einzig sprachlich offenbaren (mit durchaus unterschiedlicher Intensität und Sensibilität).
Doch mehr noch ist das Loosesche Papiertheater ein faszinierendes visuelles Erlebnis. Denn wenn sich der "Akropolis-Vorhang" des Königlichen Theaters Kopenhagen, dem die Miniaturbühne mit liebevoller Akribie nachempfunden ist, hebt, ist der Zuschauer schlicht "baff" ob der Kulissenpracht. Der deutschen Klassik und ihrer Aufführungspraxis verpflichtet, bemüht sich Klaus Loose, das Theatererlebnis jener Epoche seinem Publikum zu präsentieren - nur eben im Kleinformat.
So basieren denn alle Bühnenbilder (wie auch die "Kostüme") auf historischen Vorlagen: Deutsche Papiertheaterdekorationen aus dem 19. Jahrhundert wurden kopiert und, um dem "großen" Theater nahe zu kommen, deckend bemalt, auch echte Bühnenbildentwürfe und Kostüme jener Zeit detailgetreu miniaturisiert. Stimmungsvoll illuminiert (auch die Beleuchtungsanlage entspricht der einer großen Bühne), obendrein gebettet in Mendelssohn-Bartholdys "Schottische Sinfonie", schaffen sie eine berückende Atmosphären zwischen Mystik und Monumentalität. Ein hinreißendes "Theater der Bilder".

Dieter Ungelenk
Fränkischer ,Tag, 20. November 1999

Macbeth

Wie ein ehrbarer Mensch zum Massenmörder wird

Premiere von William Shakespeares "Macbeth" als Papiertheater im Bamberger Marionettentheater Loose

 Wie wird ein Mensch, der von einer gewaltfreien Welt träumt, zum wahnsinnigen Massenmörder?
William Shakespeare ging dieser Frage vor beinahe 400 Jahren in seiner Tragödie "Macbeth" nach und zeigte den Wandel vom ehrbaren Feldherrn zum blutrünstigen Monster, das sich mit Unterstützung seiner Frau an die Macht mordet.
Das Böse macht sich in Macbeth breit, als ihm nach erfolgreicher Schlacht drei Hexen den Titel eines Than von Cawdor und die schottische Königskrone prophezeien. Als sich die erste Weissagung nur kurze Zeit später erfüllt, ist in Macbeth das Verlangen nach größerer Macht geweckt. Die ehrgeizige Lady Macbeth überredet ihn zum Königsmord an Duncan, der sich zu Besuch auf Schloss Inverness angesagt hat. Das Mordkomplott gelingt, Macbeth wird zum König von Schottland gekrönt, doch Angst veranlasst ihn zu immer neuem Morden.
Beim Krönungsbankett erscheint ihm der Geist des ermordeten Freundes Banquo, dem die Hexen einst die Vaterschaft von Königen weissagten. Macbeth fragt noch einmal die Hexen um Rat und wähnt sich von nun an in Sicherheit, jedoch nicht ohne weiteres Blutvergießen zu veranlassen. Dass Macbeth sich in seiner Unverwundbarkeit täuscht, wird ihm zu spät bewusst. Die Prophezeiung der Hexen erfüllt sich, Macbeth muss sterben.
Die große Tragödie um Macbeth für das Papiertheater ging auf Bambergs kleinster Bühne im Marionettentheater Loose in Premiere.
In Zusammenarbeit mit dem E.T.A.-Hoffmann-Theater entstand eine knapp zweistündige Fassung, die dennoch alle 16 Bilder des Dramas enthält. Der Trick: gespielte Szenen wechseln sich mit erzählten Passagen ab. Während der von Klaus Loose verfassten und Hans Pomarius gesprochenen Erzähltexte wird der Ort des Geschehens auf der Bühne gezeigt. Der Zuschauer muss sich zwar sehr auf die Zusammenfassung konzentrieren, hat aber auch Freiraum für die eigene Fantasie und kann sich die Handlung ins Bühnenbild denken. In den von Renate Kern und Christel Weigl gespielten Szenen erwacht die Bühne dann zu dramatischem Leben. Selbst wenn sieben oder mehr Figuren auf der Bühne stehen, behält der Zuschauer den Überblick, welche Figur gerade agiert.
Natürlich sind die Bewegungen auf dem Papiertheater eingeschränkt, doch mit den ausgezeichneten Tonaufnahmen von Jürgen Hanelt, mit Geräuschen, Lichteffekten und der blitzschnell drehenden Figur des Macduff ist man immer wieder von den Möglichkeiten dieser Spielform überrascht.
Die Schauspielerstimmen unter der Tonregie von Bernd Schramm tragen ihr übriges zur Aufführung bei. Bei der Vielzahl der Rollen sollen hier nur Eckhart Neuberg (Macbeth) und Karin M. Schneider (Lady Macbeth) erwähnt werden, die ihre Parts mit den nötigen Zwischentönen der bis hin zum Wahnsinn driftenden Charaktere überzeugend gestalteten.
Doch was wäre die Aufführung ohne Bühnenbilder, Figuren und das Theater aus dem Jahr 1821 selbst. Der Philosophie des Hauses entsprechend, finden die Aufführungen im Stil der Klassik statt.
Das Publikum unternimmt eine Zeitreise in die Mitte des 19. Jahrhunderts und erlebt "Macbeth", wie er damals an deutschen Bühnen zu sehen war.
Dazu gehört die klassische Textübersetzung von Dorothea Tieck ebenso wie die Musik Felix Mendelssohn-Bartholdys.
Dekorationen wie der prächtige Festsaal in Fores oder das schottische Lager stammen aus dem 18. und 19. Jahrhundert, die Kostüme der Hauptfiguren sind aus der Kostümsammlung des Grafen Brühl und wurden einer Berliner Macbethaufführung dieser Zeit nachempfunden. Neben dem Unterhaltungswert eines Theaterabends bekommt der Besucher die wohl einzigartige Gelegenheit, ein Stück Theatergeschichte mitzuerleben.
Großer Beifall für Klaus Loose und sein Team.

Dirk Baumgartl

 
Macbeth

 
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