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Monumente, Zeitschrift der Deutschen Stiftung für
Denkmalpflege, Nr.1/2 - 1999
Ganz groß, kleine Pamina!
In Bambergs Marionettentheater ist nicht nur die "Zauberflöte"
stets ausverkauft
Es ist schon erstaunlich, was sich da hinter schlichten Fassaden verbirgt.
Wer die Weltkulturerbe-Stadt Bamberg besucht, wird -beeindruckt von
der barocken Pracht ihrer Kirchen und Häuser- wohl kaum zufällig
vor der Unteren Sandstraße 30 haltmachen.
Doch lohnt es sich, einmal hinter die Mauern des 1796 als Tabakfabrik
errichteten, eher unscheinbaren Palais' zu blicken.
Es beherbergt heute das kleinste Theater Bayerns und Deutschlands einzige
historische Marionettenbühne. Hier werden Klassiker wie "Doctor Johann
Faust", "Blaubart", "Genoveva" und sogar eine große Mozart-Oper,
"Die Zauberflöte", gegeben.
Ihr Prinzipal Klaus Loose hat sich der Bühne mit Leib und Seele
verschrieben.
Im ersten Obergeschoß der Unteren Sandstraße 30 lebt und
arbeitet der veritable Theaterchef mehr oder weniger öffentlich: Gleich
hinter der Wohnungstür beginnt die andere, die illusionistische Welt.
Blumenranken auf handgedruckten, historischen Tapeten und geschnitzte
Spaliere verschleiern den Blick und lassen den Flur unendlich erscheinen.
Feierliches Licht dringt unter einer der Türen hervor. Dort verbirgt
sich das 45 Quadratmeter kleine, intime Theater mit Technikraum und Werkstatt.
Wo es rechts des Flures schummriger ist, liegen hinter transparenten
Glastüren mit Antiquitäten bestückte Räume. Zwischen
Wohnung und Theater gibt es keine Trennung.
Klaus Loose hat sich das im Barock postulierte Wort "Die Welt ist eine
Bühne" bis ins Privateste hinein zu eigen gemacht. Das Barockzeitalter
ist die Epoche, in der er sich zu Hause fühlt, die er liebt und lebt.
Auf dieser krisengeschüttelten Zeit, als Prinzipale ihre Schauspieler
nicht ernähren konnten und auf Marionetten zurückgreifen mußten,
um ihre Stücke weiterhin spielen zu können, baut seine Theaterwelt
auf.
20 Gäste sind zur Aufführung der "Zauberflöte" nach
Bamberg gekommen. Das Haus ist ausverkauft. Ein kleiner Kreis, in dem sich
die Gäste gebührend dem winzigen Geschehen um Prinz Tamino und
seine Angebetete, Pamina, widmen und es in ihrer Phantasie auf menschliches
Maß vergrößern können.
Es ist faszinierend, denn es funktioniert. Gespielt wird ein Stück
Opemgeschichte auf 50 x 70 Zentimetern.
Die eigenhändig restaurierte Guckkastenbühne aus dem Jahr
1821, von Loose 1958 in einem Berliner Antiquitätengeschäft entdeckt,
ermöglicht durch ihre hintereinander gestaffelten Kulissenmalereien
und den abschließenden Prospekt einen Blick in perspektivisch perfekt
scheinende Tiefen.
Szene für Szene erstehen Felsenlandschaften, Tempel, Palmenhaine,
unterirdische Gewölbe und exotische Gärten, vor denen der farbenprächtige
Papageno eindrucksvoll agiert.
Karl Friedrich Schinkel entwarf diese Kulissen 1816, insgesamt zwölf
Bilder, hier minutiös übertragen in die geschrumpfte Bühnenwelt.
Bei seinen Figuren, die im Maßstab 1:10 gefertigt wurden - die
also nicht größer als 17 Zentimeter sind -, kann Loose gleichfalls
auf einen historischen Fundus zurückgreifen: "Eine Diakonissenschwester
schenkte mir nach dem Krieg etwa 80 Figuren aus dem Besitz der Industriellenfamihe
von Borsig, manche für den Faust gemacht, die Undine, Don Juan, den
Freischütz, Prinz Rosenrot und Prinzessin Lilienweiß." Diese
Stücke zählen noch immer zum Repertoire des Hauses.
Als eine Hommage an den Architekten, Dekorationsma1er und Komponisten
E.T.A. Hoffmann - er lebte fünf Jahre in Bamberg - proben der Prinzipal
und seine Mitarbeiterinnen das Stück "Der Sandmann".
Wenn der Vorhang nach dem letzten Bild der "Zauberflöte" fällt
und sich das Auge des Betrachters wieder langsam an das Licht und die veränderten
Proportionen gewöhnt, treten Klaus Loose und seine Marionettenspielerinnen
vor die Bühne und verneigen sich.
Dabei haftet ihnen nichts Naiv-Kindliches an: Sie spielen großes
Theater. Denn die Vorstellung, daß es sich beim Marionettentheater
um eine weniger ernst zu nehmende Gattung handelt, sei eine "Erfindung
der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts", empört sich Loose.
Eine Auffassung, die er und seine Spielerinnen weit von sich weisen.
Dramatische Literatur und sogar Opern - Joseph Haydn schrieb solche für
das Marionettentheater des Fürsten von Esterhazy - waren keineswegs
nur dem "seriösen menschlichen" Theater vorbehalten.
In der Sandstraße 30 wird am Leben erhalten, was andernorts eingemottet
in Depots der Museen verschwindet. So ist er noch heute möglich der
Blick in die Welt des historischen Theaters - ganz klein,
cisy
Nürnberger Nachrichten, 15.11.2002
Die Magie der Marionetten in Bamberg
Seit 40 Jahren lässt Klaus Loose die Puppen tanzen
Prachtvolle Bühnenbilder und Lichtstimmungen
Was Prinzipal Klaus Loose und seine Mitarbeiter in der Beletage eines
schlichten Barockpalais im Herzen der Bamberger Altstadt veranstalten,
grenzt schon fast an Magie. In einem kleinen Theatersaal, der nicht größer
ist als ein Wohnzimmer, entführen sie die Besucher in die große
Welt des kleinen Theaters der längst vergangen geglaubten Zeit von
1770 bis 1830. Damals hatten Marionettentheater, nicht zu verwechseln mit
den heutigen Puppentheatern, noch den gleichen Spielplan wie die großen
Theaterhäuser, deren Besuch für den Großteil der Bevölkerung
allerdings viel zu teuer war.
Das Repertoire des Bamberger Marionettentheaters scheint schier unerschöpflich:
Neben den Klassikern des Barocktheaters Don Juan, Dr. Faust und Genoveva
kann man auch Prinz Rosenrot und Prinzessin Lilienweiß begegnen,
Undine, dem Kurier des Zaren, Macbeth und E.T.A. Hoffmanns Sandmann. Neben
der "Zauberflöte" hat mit dem "Freischütz" ein weiterer Opernstoff
die Bamberger Bühne erklommen. In der Weihnachtszeit wird außerdem
das Kinderstück "Die Prinzessin und der Schweinehirt" ins Programm
mit aufgenommen. Per Tonband erhalten die Puppen und Papierfiguren ihre
Stimmen von Schauspielern, die den Figuren eine Seele einhauchen. Prachtvolle
Bühnenbilder zusammen mit traumhaft schönen Lichtstimmungen erwecken
bei den Zuschauern schon nach wenigen Minuten den Eindruck, man befindet
sich im zweiten oder dritten Rang eines großen Schauspielhauses.
Wenn dann kurz wie aus dem Nichts plötzlich die Hand einer Puppenspielerin
auftaucht, wirkt diese wie die einer gewaltigen Riesin. Loose, ein gelernter
Bühnenbildner, entdeckte das Theater, ein Unikat aus dem Jahre 1821,
völlig heruntergekommen auf einem Berliner Flohmarkt und restaurierte
es mit größter Sorgfalt. Auch heute noch kümmern sich der
Direktor und seine Frau Doris in der hauseigenen Werkstatt persönlich
um Dekorationen und Kostüme. Lediglich die Gesichter werden außer
Haus gefertigt. Doch perfektionistische Detailtreue findet man bei Loose
nicht nur auf der Bühne selbst. Getreu einem von seinem großen
Lehrmeister Reinking übernommenen Grundsatz "Die Inszenierung beginnt
im Foyer" richtete der Interieur- und Antiquitätenexperte Loose Wohnung
und Theater, die sich zusammen auf der Etage befinden, so ein, dass ihre
Inneneinrichtung der Epoche des Gebäudes von 1795 sowie des Theaters
von 1821 entspricht. Somit erwartet den Besucher nicht nur ein klassisches
oder romantisches Marionettenstück, sondern ganz nebenbei auch ein
kleines lebendiges Museum mit einem bezaubernden Flair. Handgedruckte Tapeten,
barocke Lüster und Möbel sowie eine kleine Sammlung historischer
Miniaturtheater im Theatersaal können ohne störende Glasscheiben
in Augenschein genommen werden. In den Pausen hat man außerdem die
Möglichkeit, eine Sammlung kostbarer historischer Spielzeuge, die
Loose in den 50er Jahren für seine zwei Söhne gekauft hat, zu
bewundern. Ein Blick hinter die Kulissen, bei dem die drei Puppenspielerinnen
und ein Techniker gerne jede Frage beantworten, rundet den vollkommenen
Theaterbesuch ab. Noch einmal erlebt man die einzigartige Atmosphäre
des Bamberger Marionettentheaters. Und wenn man sich dann auf dem eleganten
barocken Treppengeländer wieder dem 21. Jahrhundert nähert, denkt
man bei sich: Ich komme ganz bestimmt bald wieder...
MARTINA KÖNIG
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