Nürnberger Nachrichten, 19. April 1997

Die Zauberflöte

Die wunderbare Illusion

Hier wird Theater der Jahrhundertwende lebendig wie an kaum einem anderen Ort - der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert wohlgemerkt.
Das ist Programm, und dafür ist das Bamberger Marionettentheater Loose schon seit Jahren weit über die Stadtgrenzen hinaus berühmt.
Ohne falsche Bescheidenheit sagt Klaus Loose, Prinzipal des Theaters: "Moderne Theater können so gar nicht mehr arbeiten." Und zum Jubiläum des 35jährigen Bestehens haben sich der Chef und seine Mitarbeiter noch einmal übertroffen. Sie ziehen alle Register ihres Könnens und machen die Illusion des Zeitsprungs perfekt.
"Wir spielen hier Schikaneder-Theater", gibt Loose anlässlich der Premiere der neuesten Spielaufnahme gelassen kund. Und tatsächlich kann man Mozarts "Zauberflöte" wohl selten so unmittelbar und zauberhaft erleben wie hier.
Welches Theater kann zum Beispiel heute von sich behaupten, die Oper mit allen von Karl Friedrich Schinkel 1816 entworfenen, überwältigenden Bühnenbildern inszeniert zu haben?
Und wo erlaubt man es sich noch, den singspielhaften Charakter vor allem des 2. Aktes ungekürzt zu erhalten? Und welches Haus verfügt schon über die komplette Bühnen- und Beleuchtungstechnik aus dem Jahre 1821?
"Manche Leute behaupten, dass eine Marionette keine Arie trägt. Wir treten hier den Gegenbeweis an", sagt Klaus Loose. Und er hat recht. Wer das in der Regel eher sparsame gestische Repertoire von Opernsolisten kennt, muss schon nach den ersten Minuten den Eindruck haben, dass hier lebendigere Akteure wirken.
Die Puppenspielerinnen Doris Binggeser, Marijke Einwag und Renate Kern führen ihre liebevoll bis ins Detail entworfenen Figuren so perfekt und so leicht wie nie. Jede Geste, jede Kopfbewegung und auch jede Körperdrehung sitzt und harmoniert auf den Punkt genau mit der Musik.

Hinter der perfekten Leichtigkeit der Aufführung steckt harte ehrenamtliche Arbeit. Eine Inszenierung der "Zauberflöte" hat Klaus Loose "immer schon vorgeschwebt", erste Pläne entstanden 1992. Die konkrete Ausarbeitung hat dann fast drei Jahre in Anspruch genommen. Sämtliche Kulissen mussten nach Schinkelschen Blättern und Kupferstichen nachgezeichnet werden, und alle 52 Figuren wurden trickreich neu entworfen.
So wird Papageno im 1. Bild mit einem richtigen goldenen Schloss der Mund versiegelt. Und Tamino kann eine richtige Zauberflöte zum jeweils richtigen Zeitpunkt zum Munde führen - bei einer Figurengröße von etwa 15 Zentimetern! Und wenn mit Requisiten gar nichts mehr geht, greift der Prinzipal auf wundervolle Weise in die bühnentechnische Trickkiste.
Zur Arie "Dies Bildnis ist bezaubernd schön" beherrscht Paminas Konterfei aus dem Nichts entstehend den ganzen Raum und die Gefühle des Zuschauers.
52 Proben, "mehr als doppelt so viele wie sonst", waren nötig, um diesen Höhepunkt des (Marionetten-)Theaters zu erreichen. Doch Klaus Loose gönnt sich keine Verschnaufpause und hat bereits das nächste Stück in Angriff genommen, eine dramatisierte Fassung des "Sandmanns" von E.T.A. Hoffmann. Außerdem arbeitet der Prinzipal hartnäckig an einem wahrhaftigen Großprojekt. Er möchte im Bamberger Wasserschloss Concordia, der designierten bayerischen "Villa Massimo" eine Dependance eröffnen.
Auf einer mit zwei mal 1,20 Meter mehr als doppelt so großen Bühne zur "Verlebendigung des klassischen Theaters" in einem historischen Saal mit Platz für 60 Zuschauer. An der Realisierung dieses Wunschtraums hat er keinen Zweifel, auch wenn es wohl noch einiger Überredungskunst bei den Entscheidungsinstanzen bedarf.

Mark Derbacher

Fränkischer Tag, 12. April 1997

Zauberflöte

Mit Akribie und Einfühlungsvermögen in eine zauberhafte Welt

Klaus Loose inszeniert in seinem Marionettentheater in Bamberg Mozarts "Zauberflöte"
Ausstattung nach Karl Friedrich Schinkel stilgerecht umgesetzt

Mozarts "Zauberflöte" in Bamberg: nicht als halb-szenische Aufführung in der Konzerthalle, auch nicht als Gastspiel im Stadttheater, sondern komplett mit allem, was dazugehört, im Marionettentheater Loose, das dieser Tage sein 35. Bühnenjubiläum feiert.
Komplett mit allem, was dazugehört - für Klaus Loose ist das keine leere Redewendung.
Auf seiner kleinen, etwa 70 x 50 cm großen Bühne, einem Unikat aus dem Jahre 1821, gilt historische Verbürgtheit als oberstes Gebot. Auf die Inszenierung der "Zauberflöte" trifft das jetzt auch wieder zu.
Loose übernahm die gesamte Ausstattung von Karl Friedrich Schinkel, der sie 1816 für die Königliche Oper in Berlin geschaffen hatte.
Eine solche Arbeit erfordert Akribie, Einfühlungsvermögen und einen Aufwand, den ein "Großes Haus" nur in anderem Maßstab zu bewältigen hat.
So wurden sämtliche 52 Marionetten, die Dekorationen und Theatermaschinen in der Werkstatt des "Prinzipals" neu angefertigt - in Stileinheit, versteht sich.
Das Resultat ist umwerfend, denn Schinkels Dekorationen nehmen den romantischen Geist des Opernstoffs kongenial auf. Die technische Umsetzung glückte bestens, die Kostüme sind prächtig.
Mit Doris Binggeser, Marijke Einwag und Renate Kern an den Puppenschnüren kann also die Geschichte um Tamino und Pamina, Papageno und Papagena, Sarastro und die Königin der Nacht beginnen. Auch musikalisch bemühte sich Klaus Loose um den richtigen Geist.
...
Doris Loose dachte sich dazu die Beleuchtung aus. Gabriele Engelhard übernahm Abendregie, Licht und Ton. Es ist immer wieder erstaunlich, wie lebendig es im Marionettentheater zugeht und wie wenig man Akteure aus Fleisch und Blut vermisst. Dabei ist das Spiel von einer hektischen Kasperlemotorik weit entfernt. Mit sparsamen Gesten singt da zum Beispiel Tamino seine berühmte "Dies Bildnis ist bezaubernd schön"-Arie - auch eine Puppe kann Sehnsucht empfinden. Wenn Tamino dann im stummen Spiel die Geliebte gegen seinen Willen verschmähen muss, gelingt das der Figurenführerin besser als so manchem Tenor. Und selbst Massenszenen, wie jene im Bild der drei Tempel, wirken nicht überladen. sondern fein durchkomponiert und genau abgestimmt.
Im Marionettentheater Loose entsteht beim Publikum ein einzigartiger Effekt: Einerseits rücken die Figuren durch den geringen Abstand zur Bühne in greifbare Nähe. Andererseits fühlt man sich durch die verkleinerten Dimensionen auf einen Logenplatz versetzt.
Der Eindruck, gleichzeitig in der Fürstenloge und im Parkett zu sitzen, entspricht ja der Dualität Tamino-Papageno. Auch deshalb ist die "Zauberflöte" eine hervorragende Wahl. In ihr kommt zusammen, was sonst Widerspruch bleibt. Einer der Höhepunkte ist fraglos die sechste Szene, nicht nur wegen der Rachearie der blau-golden funkelnden Königin der Nacht. Mit seinem Prospekt, der in düsterer Ruinenromantik die ägyptische Sphinx darstellt, übertraf sich Schinkel selbst und mit ihm die Werkstatt Klaus Looses. Gesteigert wird diese gespenstische Atmosphäre noch durch die Lichteffekte, ein dramatisches Wetterleuchten.
Damit kann nur ein etwa 7 cm kleines hinreißendes Detail konkurrieren: das Glockenspiel des Papageno, das ein magisches Eigenleben zu führen scheint.
Das erste Wort, das einem nach einer solchen Inszenierung einfällt, ist "zauberhaft". Bei Marionetten klingt das aber immer ein wenig verniedlichend. Allerdings spielt Zauber in der "Zauberflöte ja eine wichtige Rolle." 
Auch hat Klaus Loose jede Menge Theaterzauber aufgeboten, um vergangene Spielkultur zu vergegenwärtigen und seine Zuschauer verzaubert in die graue Gegenwart zu entlassen.
Warum sollte man also andere Worte finden als zauberhaft, zauberhaft. zauberhaft! Denn: "So eine Flöte ist mehr als Gold und Kronen wert, denn durch sie wird Menschenglück und Zufriedenheit vermehrt." 

Thomas Kastura 

 
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